12.02.2016

6 Uhr 40 bin ich zusammen mit Ute Wild, die Gründerin und Leiterin von Teranga Richtung Flughafen in Zürich abgefahren. Ihr Mann Rainer hat uns freundlicher weise wieder angeboten Chauffeur zu sein.

Eigentlich hatte die Reise für mich viele Monate früher angefangen. Im Gegensatz zu meinem ersten Besuch in Senegal, wo es hauptsächlich darum ging Kontakte zu knüpfen, musste diesmal bereits im Voraus sehr viel organisiert werden. Nach dem Erfolg von November 2014 hatte ich mir diesmal vorgenommen auch richtig mit konservierenden Behandlungen anzufangen.

Ich musste deshalb früh genug mit der Organisation und Logistik anfangen. Als erstes habe ich mir eine mobile Behandlungseinheit und auch ein OP-Licht gekauft. Obwohl die Schweizer Firma BPR wegen der humanitären Einsatz ein super Angebot gemacht hat, habe ich nach einigen Einkäufen bald gemerkt, dass es langsam ins Geld geht. Ich habe deshalb angefangen Sponsoren zu suchen. Als erstes habe ich meine Buchhaltungsfirma in Vaduz Allied Finance angefragt. Meine Buchhalterinnen haben bereits nach meinem ersten Besuch, grosse Interesse am Projekt gezeigt. Ebenso haben Sie

mir angeboten, dass wenn es dann ernst wird und ich in der Tat in Senegal etwas aufbauen möchte, sollte ich unbedingt zu Ihnen kommen. Zum Glück hatte ihre Begeisterung nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Eine Sitzung mit dem Chef, dem ich jetzt seit mehr als 18 Jahren vertraue wurde trotz seines übervollen Terminkalenders gleich eingeplant. Er war erfreulicher Weise genauso begeistert wie seine Angestellten. Er hat mir spontan angeboten die Kosten der mobilen Behandlungseinheit zu übernehmen. Aber nicht nur das: Seine Firma würde mir auch im Zukunft z.B. bei der Gründung einer Stiftung zur Seite stehen.

Auch andere Firmen haben sich von meiner Idee begeistern lassen, u.A. meine zwei grossen Partner im Bereich Einkauf für meine private Praxis waren sofort hilfsbereit. Ich durfte bei Kaladent in St.Gallen sehr viel Verbrauchsmaterial aussuchen und die renommierte liechtensteinische Dentalfirma Ivoclar-Vivadent hat sich bereits vor dem Abflug als ausserordentlich grosszügig gezeigt.

Trotz all diesen positiven Rückmeldungen ging ich mit gemischten Gefühlen Richtung Kloten. Schaffen wir das wirklich? Habe ich wirklich an alles gedacht? Mit vier vollgepackten Koffern plus Handgepäck sind wir in Kloten gut angekommen. Trotz Übergewicht und diversen Problemen weil ein Koffer mit dem Kompressor 29 Kilo auf die Waage brachte ging es trotzdem gut und Ute und ich konnten nach Paris abfliegen. Nun haben wie hier meine Schwester Malene getroffen.

Malene ist wie ich auch, Zahnärztin und arbeitet in Dänemark in der öffentliche Schulzahnpflege. Sie verfügt bereits über Erfahrung von einer zahnärztlicher Hilfseinsatz auf den Philippinen.

Abends um 21 Uhr sind wir dann in Dakar gelandet, wo wir von unserem Mann Vorort in Ndioum Malick und unserem Chauffeur You abgeholt wurden. Nach dieser langen, anstrengenden Reise war es angenehm, dass das Hotel sich in unmittelbarer Nähe vom Flughafen befand. (Aber wegen dem Lärm von den Flugzeugen, die hier in der Nacht starten, war die Lage weniger geeignet).

Um Malene nicht zu fest vom Anfang an zu erschrecken hatte ich auf ein einigermassen komfortables Hotel gehofft. Dem war leider nicht so und vor allem der Anblick vom Aussen hat nicht nur meine Schwester erschreckt, sondern auch ihr abgehärteten Bruder musste seine Erwartungen deutlich nach unten anpassen….. Naja, es ist aber zum Glück nur eine Nacht und Morgen geht es weiter.

13.02.2016

Und es ging weiter. Dakar hat sich von seiner schlimmsten Seite gezeigt, mit ganz viel Morgenverkehr. Danach Richtung Norden und über St. Louis und Richard Toll weiter nach Ndioum, wo wir uns am späteren Nachmittag in unserem Hotel eingefunden haben. Während dieser 9 Stunden langer Fahrt hatte ich mehr als genug Zeit zum nachdenken, ob ich nun auch wirklich an alles gedacht hatte. Ndioum ist an der Mauretanische Grenze ganz im Norden Senegals derart abgelegen, dass wenn auch nur eine Kleinigkeit fehlen würde, dies das Scheitern von unseren guten Vorsätze bedeuten könnte.

Meine Schwester ist offensichtlich von allen den Eindrücken überwältigt. Ich hatte sie zwar darauf vorbereitet, dass es überall extrem schmutzig ist und auch sehr viele Fotos vom letzten Besuch gezeigt, aber wie es so ist sieht es auf den Fotos immer schöner aus, als es tatsächlich ist.

 

14.02.2016

Heute ging es dann richtig los. Wir hatten vorab mit dem ärztlichen Leiter von der Region um Ndioum Dr. Saidoo abgemacht, dass wir zuerst zwei Tage in Ndioum in seine Gesundheitsstation Patienten behandeln. Saidoo hatte unsere Ankunft bereits in den lokalen Nachrichten stolz verkündet mit dem Ergebnis, dass 140 Patienten vor seiner Ordination auf uns sehnsüchtig gewartet haben. Es war sowohl für mich wie auch für Malene nicht einfach diesen hohen Erwartungen gerecht zu werden. Egal wie schnell wir arbeiten würden, wären wir nie in der Lage auch nur einen Viertel von allen diesen Menschen zu helfen. dazu kam noch, dass Saidoo sich von seiner absolut unfreundlicher Seite gezeigt hat und ständig uns bei der Aufbau und Installation gestresst hat. Hoffentlich klappt es wenigstens mit dem Aufbau. Nun sollte es sich dann zeigen, ob wir wirklich an alles gedacht hatten- Und wir hatten tatsächlich an alles gedacht oder zumindest an fast alles. Nur eine von meinen mitgebrachten Adaptern für die Steckdosen hatte nicht gepasst. Sonst hat alles wirklich sehr gut geklappt und das kleine Problem konnte zum Glück auch schnell gelöst werden, indem Malick auf dem Markt ein anderes Kabel besorgt hat. Wir haben uns in einem kleinem Raum von vielleicht 7 Quadratmetern installiert und haben dort alles perfekt zum Laufen gebracht. Eine Liege, die sonst bei ärztlichen Untersuchungen verwendet wird, diente als Patientenstuhl und für uns konnte ich unsere mitgebrachten Behandler-Stühle wieder zusammenbauen.

Der erste Patient wurde eingewiesen und mit einer Extraktion auch erfolgreich behandelt. Darauf folgten etwa 6 oder 7 weiteren Extraktionen bis wir gemerkt haben, wir behandeln nur Männer, und dies sogar Männer die zwar viele extrem kariöse Zähne hatten, aber in unseren Augen nicht wirklich

von Schmerzen geplagt sind. Und dies obwohl wir von Anfang an klar gemacht hatten, dass Patienten mit Schmerzen und vor allem Kinder mit Schmerzen Vorrang haben.

Darauf folgte dann ein ernstes Gespräch mit Saidoo und seinen beiden Helfern. Dies hat geholfen. Das Klientel veränderte sich merkbar, aber die Behandlungen blieben praktisch immer gleich. Eine Extraktion nach der Anderen, manchmal zwei oder sogar drei beim gleichen, weil die Nachbarzähne auch in eine miserablen Zustand waren und demzufolge gerade im gleichen Zuge entfernt werden mussten. Aber leider immer nur Extraktionen. Unsere teure Behandlungseinheit ist zwar perfekt gelaufen, aber wurde lediglich bei einem Patient zum Absaugen eingesetzt. Wir waren zwar darauf vorbereitet und hatten am Morgen noch besprochen, dass wir hier am ersten Tag vermutlich nur Extraktionen machen würden, aber dass die Leute meistens den Bedarf hätten nicht eine oder zwei, sondern 5 oder 15 Extraktionen zu bekommen, hat uns doch etwas überrascht und schockiert.

Aber alles in allem muss ich sagen, dass es sehr gut und auch speditiv voran gegangen ist. Ich hatte natürlich auch eine bestens ausgebildete Assistentin. Meine Schwester hat nämlich die ganze Zeit assistiert. Wir hatten dies vorab so abgesprochen und dies hat sich auch sehr bewährt. Erstens weil wir nur eine Behandlungseinheit haben. Zweitens um speziell für Malene einen sanften Anfang zu bekommen und drittens weil wir uns gegenseitig versprochen haben, dass das wichtigste, unsere eigene Sicherheit ist. Es geht hier natürlich hauptsächlich um Hygiene und Vermeidung von Unfällen, wie z.B. Stichunfällen. Vor allem Malene verhält sich in diese Frage einwandfrei und ist permanent darauf bedacht, dass die Sicherheit im Vordergrund steht.

31 Patienten konnten in dem kleinen nicht klimatisierten Raum, bei einer Aussentemperatur vom 37 Grad (im Schatten) behandelt werden. Die letzten 109 Patienten mussten leider unverrichtet nach einem langen Tag den Heimweg antreten. Ganz schlimm dachte vor allem Malene, aber hier sind sie dies eigentlich gewöhnt. Trotzdem haben wir die Angestellten gebeten rechtzeitig dafür zu sorgen, dass Morgen höchstens 40 Patienten auf uns warten.

 

15.02.2016

Ausnahmsweise und überraschend, hat es mit der Kommunikation gut geklappt. Vor dem Eingang der Gesundheitsstation sassen nicht mehr als höchstens 40 Patienten und die ersten die dran gekommen sind waren, wie wir es uns erwünscht hatten, vor allem Kinder.

Im Gegensatz zu Gestern haben wir heute auf eine Mittagspause verzichtet Wir haben vom Morgen früh bis 14 Uhr durchgearbeitet. Ich habe insgesamt bei 32 Patienten knapp 50 Zähne extrahiert.

Am Morgen kam Dr. Ba vorbei. Ba ist der einzige Zahnarzt in Ndioum und der nächste ist knapp 100 km entfernt. Nach nur zwei Tagen Arbeit hier in Ndioum ist es für Malene und mich klar geworden: Selbst wenn wir hier 10 Jahre bleiben würden, würde uns die Arbeit nicht ausgehen. Der Nachholbedarf ist immens gross und ich hatte auch nicht gedacht, dass es auf diesen Welt einen Ort gibt wo die Leute derart schlechte Zähne haben.

Wir extrahieren zwar immer nur höchstens vier Zähne beim gleichen Patient, aber dies ist nicht weil die restlichen Zähne erhaltungswürdig sind. Es geht uns vielmehr darum die Risiko für Komplikationen zu minimieren. Ich habe das Spital in Ndioum beim letzten Besuch besichtigt und war damals der Meinung, dass die Patienten die da eingeliefert werden einen grösseren Gefahr ausgesetzt werden, als die Patienten die sich eine Behandlung sowieso nicht leisten können. Die Patienten die da heil rauskommen, schaffen es nur dank eine gehörige Mixtur aus diversen Antibiotika.

16.02.2016

Alwar. Heute ging es dann endlich nach Alwar. Die Leute in Alwar sind mir bereits beim ersten Besuch ans Herz gewachsen. Nicht nur weil sie nett und extrem gastfreundlich sind, sondern auch weil ich es bewundernswert empfunden habe, wie sie sich weit weg von der Zivilisation durchs Leben schlagen. Bis vor wenigen Jahren hatten sie weder fliessendes Wasser noch Strom und haben im Grunde so gelebt wie ihre Vorfahren die letzten vielen Hunderte Jahren es getan haben. Jetzt mit dem Anschluss ans Strom- und Strassennetz durchleben sie eine rasante Entwicklung. Bereits bei der Ankunft habe ich bemerkt, dass es nun auch in Alwar den ersten Plastikabfall gibt. Die Bevölkerung hat sich bisher sonst nur ernährt von dem was der Boden ihnen geschenkt hat und in dieser trockene Gegend am Rande der Sahara (der sogenannte Sahel) ist dies nicht viel. Reis, Hirse und Gemüse. Und von den Bauern die Tiere halten auch Ziegen und Hühnerfleisch. Mit der Anbindung ans Strassennetz wird es leider so gehen wie in Ndioum. Ohne Abfallentsorgung wird sich der Plastik häufen, bis es so viel gibt, dass man Ihnen an Ort und Stelle verbrannt.

Mit der Arbeit ging es wieder sehr gut. Wie in Ndioum gibt es auch hier reichlich Arbeit. Wir müssen uns deshalb auf das absolut nötigste beschränken. Nur Patienten mit grossen Schmerzen können behandelt werden. wenn die Patienten zu uns kommen fragen wir sie immer wo es weh tut- Tönt vielleicht ganz einfach, auch bei Leuten, die nur die Sprache Bular verstehen ist es generell etwas schwierig mit der Kommunikation. Unseren Krankenpfleger Omar ist jedoch sehr hilfsbereit und versucht so gut wie möglich von französisch ins Bular zu übersetzen. Ein Paar Glosen haben wir uns mittlerweile merken können. „Ko muss et ma“ heisst „wo tut es weh“ und „öffnen Sie bitte den Mund“ heisst schlichtweg „uidit“.

Nach dem „Uidit“ werden wir zunächst leicht schockiert. Erstens wegen den vielen erkrankten Zähnen und zweitens wegen dem Geruch nach Fäulnis, der sich anschliessend in dem Raum verbreitet. „Foetor ex ore“ ist in dieser Teil der Welt weit verbreitet, aber wie soll es auch anders sein wenn die Zähne gar nicht geputzt werden.

Das Hauptproblem ist hier die Karies und an zweiter Stelle die Parodontose. Aber es gibt auch für uns Europäer Zustände, die wir in Europa nur selten erleben, wie z.B. das Mädchen, wo heute zu uns mit einer extraoralen Fistel am basalen Rand des Unterkiefers, gekommen ist.

Wir haben den entsprechenden Zahn mit der Wurzelentzündung entfernt. Ich wünschte ich könnte in einer Woche noch eine Nachkontrolle machen, aber solange bleiben wir leider nicht.

Als Dank haben die Leute von Alwar uns Fische Geschenkt, die von der Schwägerin von Malick später zubereitet wurden.

Dann hatten wir auch einen Mann der wegen seinen vorstehenden Frontzähnen, bereits bei der Begrüssung aufgefallen ist. Bei der Konsultation wurde ersichtlich, dass seine Oberlippe mit seinem sogenannten Alveolarkamm (Oberkiefer) verschmolzen war. Weil es auch karzinogen ausgesehen hat, haben wir veranlasst, dass er ins nächstgelegene Spital eingeliefert wird. Insgesamt konnten wir Heute 21 Patienten behandeln.

17.02.2016

Grosser Empfang in Alwar. Die Einwohner haben uns mit einer Feier begrüsst. Alle standen sie da und haben für uns gesungen. Alle in ihren Festkleidern, obwohl es erst 9 Uhr Morgens war. Einige junge Frauen haben sich nach traditioneller Art ihre Gesichter mit schwarzer Farbe bemalt.

Obwohl ich auch beim letzten Besuch einen ähnlichen Empfang erlebt hatte war es wieder eindrücklich. Um möglichst schnell an die Arbeit zu kommen, hatten wir sie gebeten die Feier kurz zu halten. Selbst eine normale Begrüssung dauert hier viel länger als bei uns. Sie sind in der Art einfach überhöflich. Wenn zwei Menschen sich z.B. begegnen fängt es mit bonjour an. Danach folgt common ca va. dann wird gefragt: „common ca va avec le Sanitè“, und danach höchst eigenartig „common ca va avec le fatigue“. Viele Senegalesen sind kronisch müde weil sie entweder viel zu spät ins Bett gehen oder gar nicht ins Bett gehen und einfach zwischendurch sich ausruhen. Danach folgt „common ca va avec la mere“, dann avec le pere, la grandmere, le grandpere, les entfant, les petit-entfant usw. Eine solche Begrüssung kann locker eine viertel Stunde dauern, obwohl konsequent auch bei ernsthafteren Problemen laut unsren Chauffeur zu allen Fragen immer die gleiche Antwort folgt- Nämlich „bon“. Das heisst es wird zuerst verkündet, dass es überall gut geht (selbst mit der Müdigkeit), und nachher wenn dann das Gespräch anfangen kann, stellt sich heraus, dass man nicht nur drei Tage nicht geschlafen hat, sondern dass die Ursache dafür ist, dass das Haus abgebrannt ist- Seltsame Kultur.

Heute war bei uns Kindertag. Wir hatten bereits gestern mitgeteilt, dass die Kinder Vorrang haben und konnten zuerst 18 Kinder behandeln und nachher 6 Erwachsenen. Einer von den Erwachsenen war etwas eigenartig. Nicht nur war er sehr alt und blind, sondern an seine Augen war auch deutlich zu erkennen, dass er wirklich gar nichts sehen konnte. Das sieht man bei uns auch nur sehr selten.

Weil unsere Zeit in Alwar langsam zu Ende geht, müssen wir die Patienten immer besser selektionieren. Gar nicht so einfach. Unseren Helfern tun zwar ihr bestes und erklären den vielen wartenden Patienten draussen, dass nur die, die wirklich sehr grosse Schmerzen haben, dran

kommen. Dies bewirkt aber leider nicht, dass die Hälfte nach Hause gehen. Sie bleiben alle stehen und wenn wir an ihnen vorbeigehen nehmen sie ein Tuch vor dem Mund und beklagen ihr grosses Leid oder sie erzählen dass sie einen ganz langen Fussmarsch hinterlegt haben um endlich zum Zahnarzt zu kommen.

Malene und ich haben herausgefunden, dass sie sehr gut simulieren können. Nach dem „ko muss et ma“ zeigen sie auf allen ihren vielen schmerzenden Zähnen. Wenn Omar dann übersetzt sie sollen uns sagen welchen Zahn am meisten Schmerzt zeigen sie auf den zwei bis drei schlechtesten Zähne. Wenn ich danach auf denen draufklopfe und in der Umschlagspalte auf der Aussen- und Innenseite drucke und sie weiterhin mäusestill sitzen bleiben, erklären wir ihnen, dass sie besser bedient sind, keine Behandlung machen zu lassen. Und dies stimmt sogar. Von den 35 Zähnen, die ich an diesem Tag schlussendlich extrahiert hatte, muss man im Normalfall bei uns in Liechtenstein damit rechnen, dass 1-2 Patienten nachher Komplikationen erleben werden. Unten den sehr schwierigen hygienischen Verhältnissen, bei denen wir hier arbeiten, ist diese Zahl vermutlich noch grösser. Dazu kommt, dass der nächste Zahnarzt sehr weit weg ist und dass die allermeisten diesen gar nicht bezahlen können. Wenn es deshalb keine Symptome gibt, ist es in meine Augen besser abzuwarten. Dies vor allem weil wir beide erstaunt sind wie selten alle diesen faulen Zähne auch wirklich Symptome verursachen. Es ist wirklich unglaublich, dass das Leiden hier nicht noch grösser ist.

18.02.2016

Endspurt in Alwar. Wir haben uns bemüht so viele Patienten wie möglich dran zu nehmen. Es geht jedoch viel gesitteter vor sich als am Anfang. Die ernsten Worte des Dorfpräsidenten vom Gestern scheinen zu helfen. Im Laufe des Tages müssen jedoch immer mehr Patienten ohne Behandlung die Praxis (wenn man es so nennen kann) verlassen. Für Malene und mich einfach Simulanten, die darauf hoffen, dass endlich wenigstens einigen von ihren schlechten Zähnen entfernt werden.

Am Ende des Tages fehlt es langsam an Instrumenten und um 13 Uhr müssen wir die Leute mitteilen, dass es leider keine sterilen Extraktionszangen mehr gibt. Die 300 Ampullen Anästhesiemittel sind bis auf 7 Stück auch aufgebraucht. An diesem Tag habe ich seit 9 Uhr, bei 41 Patienten insgesamt 50 Zähnen entfernt. Kein Wunder habe ich am Mittag bei Mariam zum ersten Mal mich so richtig müde gefühlt.

Mittag haben wir jeden Tag bei der Familie vom Malick gegessen. Sie kocht immer traditionell Senegalesisch. Dies heisst immer viel Reis und Gemüse und dazu abwechslungsweise Poulet oder Fisch. Am häufigsten gab es Fisch vom Senegalfluss. Das Essen ist fürs Auge zwar keinen Genuss, aber geschmacklich finden wir es alle drei sehr fein und gesund ist es auch. Als Europäer dürfen wir mit Besteck essen. Alle anderen essen mit den Händen.

Nach dem Essen stand die nächste Feier bevor. Eigentlich hatten wir gar keine Feier erwartet aber wie es hier so ist, verpassen sie keine Chance um Feste zu feiern.

Die Schule in Ndioum, die uns bereits beim letzten Besuch ausgiebig gefeiert hat, hatte uns nochmals eingeladen. Wie damals gab es wieder sehr laute Musik von einem einheimischen Sänger und viele Ansprachen. U.a einen von den beiden angereisten Schulaufseher aus Podor. Auch Abdulaj, den ich von früher kenne hat uns herzlich begrüsst und beschenkt. Ich bekam ein typisches senegalesisches Kleid geschenkt. Diese wurde dann ganz schnell ausgepackt und ich musste dann in der Mitte um vor all den versammelten- Es waren vielleicht 500- Meine Tanzkünste zeigen. Jeder der mich mal beim Tanzen beobachtet hat, wird verstehen, wie peinlich mir das war. Aber schlussendlich war es ein schöner Abschluss für 5 erlebnisreiche und spannende Tage in Ndioum und Alwar.

Abschied in Alwar. Links vorne der Lehrer Ba.

19.02.2016

Am Morgen früh um 6 Uhr sind wir Richtung Saly südlich von Dakar an der Küste, gefahren. You hat Gas gegeben, aber uns dennoch sicher 8 Stunden später zu unserem Hotel gebracht. Das Hotel Royam, ist das pure Gegenteil zu den Verhältnissen in Ndioum.

20., 21. und 22.02.2016

Im Hotel habe ich nun genug Zeit um an all das erlebte Revue passieren zu lassen. Ebenso machte ich mir darüber Gedanken wie es mit meinem Engagement hier in Senegal weitergehen soll. Die Leute in Alwar und zum Teil auch in Ndioum habe ich nach wie vor ins Herz geschlossen. Die Unbekümmertheit, womit sie sich durchs Leben schlagen ist einfach bewundernswert. Eigentlich hätten sie viele Dinge, die ihnen Sorgen bereiten könnten, aber im Gegensatz zu uns, nehmen sie das Leben nicht so ernst. Sie nehmen die Dinge wie sie kommen und versuchen immer etwas Positives zu sehen.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen nach Ndioum zurück zu gehen. Die Infrastruktur mit den Behandlungszimmern und die Zusammenarbeit mit Saido klappten sehr gut. Nur geographisch gesehen ist Ndioum und Alwar alles anderes als ideal. Wir waren 7 Tage dort, aber wegen der lange Hin- und Rückreise, konnten wir nur 5 Tage Arbeiten.

Beim letzten Besuch habe ich ein anderes Dorf, Mbetite mit Ute besucht. Dieses Dorf ist in viele Hinsichten ähnlich wie Alwar und wegen den noch fehlenden Stromversorgung, sogar Alwar etwas hinterher. Der grosse Vorteil bei Mbetite wäre, dass es sich nur eine Stunde von Dakar befindet. Dies nicht nur wegen der kürzeren Anfahrt, sondern auch weil die Versorgung bei einem medizinischen Notfall in Dakar sicher um einiges besser wäre, als in Ndioum. Zähne zu extrahieren ist ein chirurgischer Eingriff, der immer mit eine gewisse Gefahr verbunden ist. Wenn derart viele Zähne extrahiert werden, wie wir es in der vergangene Woche getan haben, ist davon auszugehen, dass zumindest einen kleinen Teil von diesen Patienten Komplikationen erleben werden.

Ute wird in der kommenden Woche nochmals Mbetite besuchen gehen und für mich abklären wie geeignet die neue Gesundheitsstation für meine Arbeit wäre.

Es waren 10 lehrreichen Tagen. Es tut der Seele einfach gut zu erleben, dass es Völker gibt, die zwar viel ärmer sind als wir, aber trotzdem mit viel mehr Freude durchs Leben gehen.